spiritualitaet_als_heilende_erfahrung_und_praxis

Views:
 
Category: Entertainment
     
 

Presentation Description

No description available.

Comments

Presentation Transcript

Spiritualität als heilende Erfahrung und Praxis: 

Spiritualität als heilende Erfahrung und Praxis Prof. Dr. med. Klaus Jork Institut für Allgemeinmedizin Klinikum der Johann Wolfgang Goethe- Universität Frankfurt am Main

Gliederung: 

Gliederung 1. Spiritualität 2. Lehre vom dreifachen Sinn einer Schrift und die Schule von Chartres 3. Spiritualität bei Hildegard von Bingen, Meister Eckhart und Ignatius von Loyola 4. Bedeutung des Meisters, der Schriften und der Erkenntnis (Kontemplation) 5. Spiritualität als heilsame Erfahrung

1. Spiritualität: 

1. Spiritualität wird heute weitgehend gleichbedeutend mit Frömmigkeit gesehen, bezeichnet jedoch weniger die subjektive Haltung der Religiosität als vielmehr eine vom Glauben getragene und grundsätzlich die gesamte menschliche Existenz prägende „geistige“ Orientierung und Lebensform . Die aus dem Christentum stammende mittelalterliche Wortbildung „spiritualitas“ meint ursprünglich Geistigkeit , das innere geistige Wesen im Gegensatz zur Materialität. Brockhaus 1993

Spiritualität sucht Antworten: 

Spiritualität sucht Antworten auf die vier großen Menschheitsfragen : - Woher komme ich? - Wer bin ich? - Warum bin ich hier? - Wohin gehe ich? Willigis Jäger

Ziel des Vortrags: 

Ziel des Vortrags Anregung geben, den eigenen Standpunkt und die eigene Sichtweise zu Spiritualität zu überprüfen; Kriterien finden, mit denen sich die folgenden Fragen beantworten lassen: 1. Welche Art von Spiritualität ist für mich bedeutsam? 2. Wie erlebe ich „heilende Erfahrung“? 3. Wie sieht meine Praxis dazu aus?

2. Lehre vom dreifachen Sinn der Schrift und die Schule von Chartres: 

2. Lehre vom dreifachen Sinn der Schrift und die Schule von Chartres Origenes (184 – 254) Dreifach muss man sich die „Sinne“ der heiligen Schriften in die Seele schreiben: - der Einfältige soll von dem „Fleische“ der Schrift erbaut werden – sensus litteralis ; - der ein Stück weit Fortgeschrittene von ihrer Seele und – sensus moralis ; - der Vollkommene erbaut sich aus dem „geistigen Gesetze, das den Schatten der zukünftigen Götter enthält“ – senses anagogicus .

Lehre vom dreifachen Sinn der Schrift: 

Lehre vom dreifachen Sinn der Schrift sensus litteralis : - der buchstäbliche Sinn der Schrift - betrifft Denken, Unterscheiden, Vergleichen, Beurteilen, Schließen, Verstehen, Planen; alles, was einen wach bewussten Menschen ausmacht und dem Erwerb von Sachkenntnis dient; - Lesen, Üben, Verstehen als aufnehmende Tätigkeit .

Slide 12: 

Mit dem sensus moralis , dem moralischen Sinn, beginnt für das Mittelalter die eigentliche Wissenschaft: durch Verstehen lernt man Zusammenhänge (Komplexität) erkennen; Aktivität entwickeln; Unterscheiden zwischen der äußeren Schale als Oberfläche und der „Süße der Frucht“ , dem geheimnisvollen, mystischen Sinn; den Sinn „hinter den Worten“ erkennen.

Slide 13: 

Die dritte und höchste Stufe des Schriftverständnisses, den sensus anagogicus (griech. anagoge – nach oben führen) , kann nur der verstehen, „der schon mit dem Scheitel an den Himmel der Philosophie rührt“: notwendig sind Intelligenz , Intuition , ehrfürchtige Hingabe an ein höheres Verständnis; bedeutet Metamorphose des rationalen Denkens, da Ratio nicht in spirituelle Gefilde reicht; Schulungsweg, der zu einer Umwandlung der Person führen kann und zu Klugheit, Besonnenheit und Weisheit – prudentia, phronesis, sophia.

Johannes Scotus Eriugena (810 Irland – nach 877) der Schule von Chartres: 

Johannes Scotus Eriugena (810 Irland – nach 877) der Schule von Chartres Will der menschliche Geist wirklich wissen, wie er sich vom Tier unterscheidet, dann muss er tätig werden und Selbsterkenntnis üben. Wer einer solchen Selbstreflexion nicht fähig ist und sie nicht gelernt hat, der bleibt lebenslang auf der Stufe des Disputierens, Zankens und Streitens stehen.

Johannes Scotus Eriugena zu den drei Stufen des geistigen Aufstiegs:: 

Johannes Scotus Eriugena zu den drei Stufen des geistigen Aufstiegs: Die erste ist der Übergang des Geistes in das Wissen von allem, was nach Gott ist; die zweite der Übergang des Wissens in die Weisheit , d.h. in die innigste Anschauung der Wahrheit , soweit es der Kreatur gestattet ist,

Slide 18: 

… und die dritte Stufe ist der übernatürliche Untergang der gänzlich gereinigten Geister in Gott selbst, gleichsam in die Finsternis des unbegreiflichen und unzugänglichen Lichtes, in dem die Ursachen aller Dinge verborgen sind. Und dann wird die Nacht wie der Tag erleuchtet werden, d.h. die verborgensten göttlichen Geheimnisse werden den seligen und erleuchteten Geistern auf eine unaussprechliche Weise eröffnet werden.

Rabindranath Tagore (1861 – 1941): 

Rabindranath Tagore (1861 – 1941) In Indien wird es dem Menschen zur ersten Pflicht gemacht, sich stets der Tatsache bewusst zu sein, dass er mit Leib und Seele allen Dingen um ihn herum aufs engste verwandt ist und dass er die Morgensonne, das fließende Wasser, die fruchtbringende Erde begrüßen muss als die Offenbarung derselben lebendigen Wahrheit , die ihn an ihrem Busen hält.

3. Spiritualität bei Hildegard von Bingen, Meister Eckhart u. Ignatius von Loyola: 

3. Spiritualität bei Hildegard von Bingen, Meister Eckhart u. Ignatius von Loyola Hildegard von Bingen (1098 bei Kreuznach – 1178 Bingen) sieht in den Visionen ihrer Weltschau die Inkarnation Gottes als das Fundament aller Schöpfung , für alle Weltstruktur und alle menschliche Organisation. Ihr mystisches Erleben beruht auf der persönlichen Erfahrung einer Begegnung mit Gott .

Slide 22: 

Hildegards Visionen stehen in Übereinstimmung mit der Offenbarung („die Trompete Gottes“) : - Gott hat die Welt als gut erschaffen; - der Mensch erlag der Versuchung und brachte die Welt in Verwirrung; - Gott wurde Mensch, um die Welt zu erlösen.

Hildegards „Kosmosmensch“: 

Hildegards „Kosmosmensch“ „Inmitten der Welt steht der Mensch. Luftraum und Wassersphären, Planeten und Winde stehen ihm zur Verfügung. Der Mensch hält das Weltnetz mit den Elementen in seiner Hand. In diesem Bild, das vom Kreis und vom Kreuz geformt wird, erscheint die Welt des Menschen in ihrer inneren Bezogenheit auf ihren Schöpfergott . Seine Liebe ist die Herzkraft der Welt .“ Schipperges 1965

Hildegards „Lebenskreis“: 

Hildegards „Lebenskreis“ In der Gestalt des Menschen aber wollte er (Gott) alle diese Zeichen auch auf das Heil der Seele beziehen. … Damit ist dir, o Mensch, folgendes vorgehalten und gesagt: Firmament und Erde sind von der gleichen Dichte. … Wo nämlich Seele und Leib in rechter Übereinstimmung miteinander leben, da erreichen sie in einmütiger Freude den höchsten Lohn .

Slide 28: 

Der mystische Weg kann als die Kunst bezeichnet werden, eine bewusste Verbindung zu dem unfassbaren Absoluten herzustellen. … Mystik ist ein Übungsweg , der Hingabe, Disziplin und Konsequenz erfordert. Es ist ein Lebensweg, der den Menschen von innen her verwandelt. … Das ist das Ziel aller mystischen Wege, auf einer tieferen Ebene zu erfahren, was mit dem Verstand nicht begriffen werden kann. Willigis Jäger

Slide 29: 

Meister Eckhart ( Johann Eckhart; um 1260 bei Gotha – Herbst 1327 Köln?) Nach seinem Verständnis wird Gottes Sohn im Fünklein der menschlichen Seele geboren: Der Vater gebiert seinen Sohn im Menschen. Eckharts Mystik bewirkt Befriedigung der Disharmonie; sie bedeutet Immanenz des Göttlichen , Innewerden Gottes in der eigenen Brust im Erlebnis der unio mystica.

Slide 30: 

Der Eine wird hervorgehoben, erstens weil Gott durch Verneinung erkannt wird. Denn er ist unbegreiflich. Zweitens, weil er ununterschieden ist. Daraus erhellt seine Erhabenheit und Majestät. Auch wird damit Gottes Güte und Liebe zu uns hervorgehoben. … Drittens, weil ihm all es Eines ist und er so beseligt. Viertens, weil jeder, der mit Gott vereint werden, der ihn finden will, einer sein muss, durch Selbstverleugnung von allem geschieden und in sich geschieden. Bemerke, dass Gott sich nicht in der Vielheit finden lässt. Meister Eckhart

Slide 31: 

Mir genügt´s, dass in mir und in Gott wahr sei, was ich spreche und schreibe. Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar. Meister Eckhart

Slide 32: 

Der Grund- und Kerngedanke Eckharts ist der von der Geburt des Wortes in der Seele. Wer nicht erfasst hat, dass die Geburt des Sohnes durch den göttlichen Vater im Seelenfunken den einzigen Anlass, den Inhalt und das Ziel der Predigt Eckharts ausmacht, der hat Eckhart verkannt. Eckharts mystisch-intuitive Schau hat die Gewissheit, dass der Wesenskern der menschlichen Seele und der göttliche Seinsgrund irgendwie von gleicher Artung sein müssten . Josef Quint 1963

Ebenen der Verwirklichung durch Spiritualität: 

Ebenen der Verwirklichung durch Spiritualität purificatio (lat. Reinigung) von einem falschen Ich-Verständnis, von Begierde, Hass und Unwissenheit eliminatio (lat. elimino – vertreiben) Beseitigung von Schleiern des Bewußtseins ( maya ) und falschen Sichtweisen auf das Ich bzw. die Wirklichkeit; Raum schaffen für veränderte Sichtweisen; Transformation energetischer Zustände („Umarme deine Wut“) unio (lat. in Übereinstimmung bringen) Zurückkehren zu einem Einheitsverständnis mit dem Ursprung

Ignatius von Loyola (Inigo Lopez de Recalde; 1491 Azpeita – 1556 Rom): 

Ignatius von Loyola (Inigo Lopez de Recalde; 1491 Azpeita – 1556 Rom) eine sich im Laufe seines Lebens wandelnde Persönlichkeit ; Begründer des Jesuiten-Ordens, der Gesellschaft Jesu ; Bemühen um einen Weg des Aufstiegs : „… dass er sich mit seinen bis zum Ende vorhandenen Grenzen ganz in den Abgrund Gottes warf und sich von ihm durchformen ließ“. (Kiechle 2003)

Exerzitien (lat. Übung; Prüfung) des Loyola: 

Exerzitien (lat. Übung; Prüfung) des Loyola - der Exerzitant geht 4 Wochen in die Stille ; - durch Schweigen geht er äußeren Ablenkungen aus dem Weg; - Schweigen erhöht die Sensibilität : Nur wer schweigt, kann hören. - innere Gefühle und Stimmungen bekommen Raum ; - Prozesse des Erkennens und der Wandlung werden möglich.

Praxis der Exerzitien unterteilt in 4 Wochen: 

Praxis der Exerzitien unterteilt in 4 Wochen Vorbereitungsphase „Prinzip und Fundament“ : Der Exerzitant erfährt sich als von Gott geschaffen und persönlich geliebt. 1. Woche : den dunklen Stellen im Leben gewidmet, dem Bösen in der Welt und im eigenen Herzen. Man muss die eigene Armseligkeit, sein Versagen und der Verlorenheit ins Auge schauen und sie annehmen, ebenso Schuld, Ängste und Verletzungen: Annahme seiner selbst.

Slide 40: 

2. Woche : der Vorausschau in die Zukunft gewidmet. Es gilt, die Indifferenz zu stärken und in Entscheidungen nicht den eigenen Vorteil zu suchen, sondern was mehr im Dienst für die Menschen und für Gott hilft, Hilfe, Freude und Frieden annehmen können. Dinge loslassen, zum inneren Frieden bereit sein 3. Woche : der Passion Jesu gewidmet. Es geht darum, Mitleid zu empfinden und Leid ertragen zu können. Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod

Slide 41: 

4. Woche : Betrachtung der Auferstehung Jesu. Sünden, Leiden und Tod werden überwunden und das neue Leben besiegt alles Dunkel der Welt. Entscheidungen werden in die Tat umgesetzt in der Gewissheit, dass sie vor Gott gründlich geprüft sind. In der Totalität der Hingabe an Gott steht die paradoxe Erfahrung von Ignatius: Wer sich ganz hingibt, wird ganz frei.

Slide 42: 

Aus dem individuellen Weg von Ignatius spricht die gestaltende geistige Kraft, die den Aufstieg durch Sinnfindung ermöglicht. Im Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky begegnet uns in diesem Verständnis ein gegenwartsnahes Konzept, bei dem ein Gefühl des Vertrauens aufbaut auf den Konstrukten - Verstehbarkeit, - Handhabbarkeit und - Sinngebungsfähigkeit.

Slide 46: 

Wenn der Mensch das Leben verlässt, wird er das, was er willentlich in dieser Welt geschaffen hat. Deshalb ist es nötig, dass du deinen Willen schulst . Chandogya Upanishad

4. Bedeutung des Meisters u. der Schriften: 

4. Bedeutung des Meisters u. der Schriften Wenn nun die Aufgabe des Meisters darin besteht, die heiligen Schriften zu erklären, so besteht die Aufgabe der Schriften darin, eine richtige Vorstellung zu erwecken, die andere, damit verbundene (wahre Vorstellungen) hervorbringt, die frei von Zweifel sind.

Slide 49: 

Eine zusammenhängende Folge solcher (wahrer) Vorstellungen wird „wahre Überlegung“ ( sattarka ) genannt, und diese ist in Wahrheit die schöpferische Kontemplation ( bhavana ), mit deren Hilfe man (etwas geistig) „schafft“ ( bhavgate ), indem man eine Wirklichkeit , die nicht offenbar ist und daher als nicht seiend erscheint, offenbar macht . Tantrasara von Abhinavagupta

Slide 50: 

Am Anfang nahm ich meinen Meister als Meister. In der Mitte nahm ich die Schriften als Meister. Am Ende nahm ich meinen Geist als Meister. Shabkar 1781 - 1851

5. Spiritualität als heilsame Erfahrung: 

5. Spiritualität als heilsame Erfahrung - Rezitation von Lautbildungen reinigen den Geist , - die Sinne können bezwungen werden, - man gewinnt innere Befriedigung , - Erkenntnis wächst, - als Folge schläft man gut ( Wohlbefinden ), - man wird sein eigener Arzt . Shatapatha XI, 5

Diskussion: 

Diskussion 1. Welche Art von Spiritualität ist für mich bedeutsam? 2. Wie erlebe ich „heilende Erfahrung“? 3. Wie sieht meine Praxis dazu aus?